Spartathlon am 24./25. September

Von Riesen und Helden war im letzten Beitrag die Rede. Die Steigerung trifft wohl auf den Spartathlon zu. Dieser Ultramarathon über 246 Kilometer wird seit 1983 auf der historischen Strecke von Athen nach Sparta ausgetragen. Im Jahre 490 v.Chr. war der Bote Pheidippides hier unterwegs, um bei den Spartanern Hilfe in der Schlacht bei Marathon zu erbitten. Die von damals überlieferte Laufzeit von 36 Stunden bildet auch heute ein enges Korsett für die Starter. Es gibt auf der Strecke alle 3-4 Kilometer einen Checkpoint (in Summe 75), wo LäuferInnen auch „gnadenlos“ aus dem Rennen genommen werden, wenn die hinterlegte Durchgangszeit nicht unterboten wird. Umso wichtiger ist die exakte Renneinteilung: am Anfang nicht übertreiben, um in der Nacht gut durch das Gebirge zu kommen und dann den langen 2. Tag zu überstehen. Jeder Sportler sollte auch seine individuelle Verpflegung und Accessoires an den Checkpoints deponieren. Das wäre zum Beispiel die Stirnlampe dort hinterlegen, wo man vermutlich in die Nacht kommt oder aber auch zusätzliche Bekleidung, weil die Temperaturunterschiede durchaus 40 Grad betragen.
Jochen kommt eher ungeplant zum Startplatz, für den vom DUV harte Qualifikationsregeln hinterlegt sind. Die 100 Kilometer unter 10 Stunden, wie vor 7 Jahren bei seiner ersten erfolgreichen Teilnahme, reichen heute schon längst nicht mehr aus. Er war für 2020 nach Losverfahren nur auf der Warteliste gelandet, dann war der Lauf wegen dem- C-Wort abgesagt worden. Viele Läufer verzichteten dann für dieses Jahr auf ihr Startrecht und so kam Mitte Januar diesen Jahres bei Jochen per Mail die Anfrage, ob er im September an den Start gehen will. Seine Gedanken explodierten und doch war er nach wenigen Stunden sicher: Zusage. Noch am gleichen Tag beginnt er den ersten langen Dauerlauf (35 Kilometer) und binnen einer Woche steht der Trainingsplan für die nächsten 8 Monate.
Die Wochen und Monate sind im Nu vorbei. Am 21. September geht der Flug nach Athen und 3 Tage später fällt früh um 7 Uhr für 270 LäuferInnen aus 49 Ländern der Startschuss.  Deutschland ist mit 27 StarterInnen vertreten. Jochen findet schnell seinen geplanten Rhythmus und lässt sich nicht vom Tempo anderer verrückt machen. An den ersten Checkpoints wird er um Platz 220 geführt. Den ersten Tiefpunkt fühlt er an der Straße von Korinth nach etwa 80 Kilometern. Da liegt ja noch das ganze Gebirge und die Nacht vor ihm. Da sich ohnehin extrem viel im Kopf abspielt, kämpft er sich auf die nächsten Kilometer. In seinen Beuteln an den Checkpoints hat er sich kleine Zettel hinterlegt, wo genau er drauf achten will. Das hilft zum Beispiel, an das Nachschnüren der Schuhe zu denken, wenn es nachts kälter wird. Trotz der eignen Hilfshinweise ist es beliebig schwierig, das dann noch umzusetzen.  So hat er sich zwar eine Jacke für die Kühle der Nacht hinterlegt. Als er diese am Checkpoint in der Hand hat, ist es ihm viel zu warm. Falsche Entscheidung, wie sich zwei Stunden später herausstellt. Der kalte Fallwind in den Bergen kühlt Luft und Körper ruckzuck runter. Da hilft nur improvisieren: am nächsten Checkpoint wird eine Mülltüte als Überhang umfunktioniert. Trotzdem hat Jochen inzwischen mehr als hundert LäuferInnen überholt. Die Nacht ist ein besonderes Erlebnis. Wo man sich beim Zuhören fürchtet, Jochen erlebt es als tolle Stimmung: der Mond scheint recht groß vom Himmel, am Straßenrand bellen Hunde und in einiger Entfernung hört man das Heulen eines Wolfsrudels.
Jeder Teilnehmer hat eine eigene Strategie, was Pausen anbetrifft. Manch einer hat Minutenschlaf trainiert und praktiziert das.  Für Jochen kommen nur wenige Sitzpausen von jeweils ein paar Minuten in Frage, diese kombiniert mit Nahrungsaufnahme. Ansonsten ist lieber ein Stück Gehen angesagt.
Der Samstag wird zur Hitzeschlacht. Am Mittag sind es in der Sonne um die 40 Grad. So oft wie möglich füllt Jochen zur Kühlung Eiswürfel in die Armlinge . Das hält allenfalls bis zum nächsten Checkpoint, wo alles bereits verdampft und sogar abgetrocknet ist. Aber man kann ja Nachfüllen. Der Kopf sagt, eigentlich müsstest Du ein Steinchen aus dem Schuh kriegen, aber da aufrechtes Laufen oder Gehen schon kaum noch funktioniert, überwiegt wohl die Angst, beim Bücken gar nicht mehr hochzukommen. Also weiterbeißen, mehrere Stunden strammes Gehen. Die beste Zwischenplatzierung lag um den Mittag bei 79. Richtung Sparta ist es dann beim Zuschauen am GPS-Tracker etwas unübersichtlich. Mal überholt Jochen jemanden, dann wird er gleich von 3 Startnummern „gefressen“ und bewegt sich ein paar Minuten gar nicht. Es scheint aber nur ein Übermittlungsfehler zu sein. In Sparta geht es durch Straßenzüge, wo die Menschen am Rand in den Cafés applaudieren und die Athleten abklatschen. Der letzte Kilometer bis zur Statue von König Leonidas geht es nochmal bergan. Dann liegt Jochen seine Hand auf dessen Fuß, damit Ziel erreicht! Jetzt brüllt er noch lauter seine Freude heraus und bekommt den Lorbeerkranz auf den Kopf. Am Ende steht Platz 86, was aber völlig sekundär ist. 34:21:14 Stunden war Jochen auf den Beinen, hat erneut (nach 2014) gefinisht und ist von den Emotionen des Augenblicks überwältigt. Großartig und herzlichen Glückwunsch, Jochen.

https://www.ultra-marathon.org/index.php/duv-sport/spartathlon/406-spartathlon-2021

Ergebnisse (auf Year 2021 eingrenzen)